Das “Allgemeine
Turnen” im heutigen weit gefassten Breitensport-Verständnis besitzt in
Österreich eine sehr lange und breite Tradition.
Abgesehen von der raschen Etablierung der ursprünglichen
Jahn’schen Auffassung des Turnens (polysportiv, vielseitig, nur
bedingt bzw. tlw. leistungsorientiert) in den Vereinen (auch losgelöst
von Jahns Ideologie), war vor allem die Institution
Schule ein wesentlicher Wegbereiter der Gesamtentwicklung. So wurde
“Turnen” bereits 1869 als Pflichtgegenstand für Mädchen und Knaben
in der Grundschule eingeführt. Mit den Strömungen der
“Reformpädagogik” (1890-1933) wurden
erstmals in Österreich die vielfältigen Formen der Gymnastik unter dem
Überbegriff Turnen subsumiert und fanden auf diesem Weg auch Aufnahme in
das Angebot der Turnvereine. Über das
“Natürliche Turnen” Karl Gaulhofers und Margarethe Streichers,
das sich am Spielgedanken ausrichtete und der “Natur des Kindes” durch
“Bewegungsaufgaben” (anstatt der bisher üblichen Formvorschriften)
entsprach, bahnte sich ca. ab 1920 eine typisch österreichische
Auffassung der Leibeserziehung den Weg in die Sportpädagogik aller
Kontinente und trug wesentlich zum heutigen weltweiten Verständnis des
“Turnens als Grundsportart” bei. Das Natürliche
Turnen beinhaltete neben dem Gerätturnen und der Gymnastik auch alle
Grundformen der Leichtathletik, des Schwimmens, der Ballspiele usw., förderte
Leistungsstreben, Koedukation und Integration, distanzierte sich jedoch
vom Wettkampfgedanken. Nach 1918 wurden
zunehmend konkret viele neue Zielgruppen angesprochen: Frauenturnen setzte
sich durch, Kindergruppen wurden eingerichtet, erste spezifische Angebote
für Körperbehinderte (“Kriegsversehrte”) erstellt u.ä.m. Zeitlich parallel begann
sich jedoch das Begriffsverständnis für “Sport” als
“wettkampforientierte Leibesübungen” durchzusetzen. Nach dem Zweiten
Weltkrieg führte dies in Österreich gemeinsam mit der rasch zunehmenden
Bedeutung des Leistungssports über viele Jahre zu einem
Begriffs-Dualismus, der sowohl “Turnen” als auch “Sport” als Überbegriff
für einen Großteil der Leibesübungen erlaubte, damit aber
unterschiedliche ideologische Komponenten verband. Seit ca. dreißig Jahren
wird das Allgemeine Turnen in allen drei österreichischen Dachverbänden
(ASKÖ, ASVÖ, Sportunion) nach modernen Richtlinien gefördert.
Verbandseigene Ausbildungen wurden geschaffen, jeder Verband hatte/hat die
Möglichkeit, an den staatlichen “Bundesanstalten für
Leibeserziehung” (BAfL) nach dem Schulgesetz Kurse für Allgemeines
Turnen abzuhalten und sogenannte “Fit-Lehrwarte” (mit
unterschiedlichen Schwerpunkten für Frauen, Männer, Senioren)
auszubilden. Auch Turnfeste existieren nach
wie vor zahlreich, allerdings getrennt nach den diesen unterschiedlichen
Verbänden. Nicht vernachlässigen
darf man im Hinblick auf die Entwicklung des Allgemeinen Turnens darüber
hinaus die kommerziell orientierten Fitness-Centers,
die zur weiteren Verbreitung vieler Übungsinhalte zunehmend wesentlich
beitragen. Nach Einführung
der Sparte Allgemeines Turnen in der FIG fühlte sich auch der ÖFT
verpflichtet, diesem Vorbild zu folgen. Seit 1984 gibt es im ÖFT daher
eine eigene Fachsparte. Ingrid Skorsch (Bundesfachwartin) |
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